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Kann eine Pille das Wunder vollbringen?

Von Gisela Ostwald

Die amerikanische Gesundheitsbehörde testet zwei Pillen, die gesunde Menschen vor einer Infektion mit dem Aidserreger HIV schützen sollen. Das nützt zwar den bereits Infizierten nicht, wäre aber ein Meilenstein im Kampf gegen die Verbreitung der Krankheit.

Sie haben Tausende oder sogar Millionen vor dem Aidstod gerettet. Nun sollen Aids-Medikamente, die zwar nicht heilen können, es aber seit Mitte der 1990er Jahre möglich machen, HIV unter Kontrolle zu halten, einen weiteren Erfolg bringen.

In klinischen Versuchen wird getestet, ob die Mittel den Aidserreger auch vorbeugend blockieren und HIV-freie Menschen mit besonders hohem Ansteckungsrisiko vor einer Infektion bewahren können. Wird dies ein Durchbruch im Kampf gegen das tückische Virus, das schon 25 Millionen Menschen umgebracht hat und das Leben weiterer 32 Millionen HIV- Infizierter weltweit bedroht?

Amerikas oberster Aidsbekämpfer, Anthony S. Fauci, ist eigenen Worten nach «vorsichtig optimistisch». Bisher sei nichts bewiesen, aber Tierversuche, auch mit Primaten, ließen auf eine vorbeugende Wirkung dieser antiretroviralen (ARV) Medikamente hoffen, sagt der Direktor des Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) bei den amerikanischen Gesundheitsbehörden NIH in Bethesda (US-Staat Maryland). Die ersten Studien an Menschen werden «frühestens im kommenden Jahr vorläufige Ergebnisse liefern», erläuterte Fauci der Deutschen Presse-Agentur dpa am Dienstag in einem Gespräch.

Getestet werden zwei Anti-Aids-Pillen. Eine enthält den Wirkstoff Tenofovir, die andere zusätzlich Emtricitabin. Der als HAART (Highly Active Antiretroviral Therapy) bekannte Arzneityp blockiert das Virus und bremst seine Ausbreitung im Körper. Die Patienten haben dann weniger Viren im Blut, dem Samen oder der Scheide. Seit langem rätseln Mediziner, ob der gleiche Arzneityp den Erreger nicht schon beim Eindringen in einen noch nicht infizierten Körper abwehren könnte.

Das NIAID ist an einer Studie (HPTN 052) beteiligt, die die sogenannte Präexpositionsprophylaxe (PrEP) erforscht, also die Vorbeugung gegen HIV mit einem HAART-Mittel, an insgesamt 1750 Paaren in den USA, Brasilien, Thailand, Indien und Südafrika. Dabei ist jeweils ein Partner HIV positiv und der andere nicht. In anderen Versuchen wird der erhoffte Schutz gegen den Aidserreger an Homosexuellen, Drogensüchtigen und Prostituierten, Personenkreisen mit der höchsten Ansteckungsgefahr also, untersucht.

«Wenn alles gut geht, verhindert PrEP die HIV-Infektion bei Menschen, die die Einnahme einhalten», sagt Fauci. Das könnte vor allem Frauen zugutekommen, jenen Afrikanerinnen in Ländern südlich der Sahara, die beim Sex mit ihren infizierten Partnern tagtäglich das eigene Leben aufs Spiel setzen.

Und das Schreckensszenario für Fauci? «Dass Risikokandidaten bei der Einnahme schludern, sich aber dennoch sicherer fühlen, weil sie die Pille ab und zu schlucken, und dann beim Sex mehr Risiken eingehen.» Genau das ist auch das Argument von PrEP-Kritikern. Sie fürchten, dass die neue Strategie gefährdete Personenkreise bewusst oder unbewusst in Sicherheit wiegt, sie zu mehr ungeschütztem Sex verleitet und die Verbreitung des Aids-Virus damit nur noch beschleunigen könnte.

Fauci setzt den Bedenken entgegen, dass die antiretriviralen Pillen «das Arsenal vorbeugender Maßnahmen nur komplementieren sollen. Vorausgesetzt, sie wirken überhaupt.» Keineswegs könnten sie andere Mittel zur Prävention von HIV/Aids ersetzen - schon aus Kostengründen nicht: Sexuelle Abstinenz, Beschneidung, Kondome, Mikrobizide und saubere Drogenbestecke.

Vor allem aber könnte PrEP die Zeit überbrücken helfen, bis der «Heilige Gral der HIV/AidsForschung» entdeckt ist, der seit Jahren gesuchte Impfstoff gegen den Erreger. «Bisher kommen auf jeden Infizierten, dem wir eine Behandlung geben können, zwei Neuinfizierte, die sich gerade erst mit HIV angesteckt haben», sagt Fauci.

 

Eine Krankheit geißelt die Welt

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Aufklärung, Schutz und Solidarität - das sind die Ziele des Weltaidstags. Weltweit machen Organisationen auf die Immunschwächekrankheit aufmerksam, die am 1. Dezember 1981 als eigenständige Krankheit erkannt wurde und immer noch nicht heilbar ist.

Aids breitete sich seit den 1980er Jahren wie eine Epidemie auf der ganzen Welt aus. Text Foto: dpa

 

Jährliche sterben weltweit mehr als zwei Millionen Menschen an den Folgen von Aids, rund 33 Millionen sind mit dem Aidserreger HIV infiziert. Die Zahl der Neuinfektionen steigt - auch in Deutschland. 3000 Menschen haben sich in diesem Jahr in Deutschland neu mit dem Virus infiziert, so eine Schätzung des Robert-Koch-Instituts (RKI). Insgesamt leben hierzulande rund 63.500 Menschen mit HIV.

Im internationalen Vergleich befindet sich Deutschland zwar auf einem sehr niedrigen Niveau. Doch Grund zur Entwarnung bestehe nicht, warnte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) in dieser Woche. Die Aidsprävention dürfe nicht nachlassen.

Homosexuelle stellen in Deutschland mit 38.700 Betroffenen weiterhin die größte Gruppe der HIV-Infizierten; ertwa 8700 Menschen haben sich durch heterosexuelle Kontakte angesteckt, 8200 durch verschmutztes Drogenbesteck. Rund 7300 Infizierte stammen aus Ländern mit hohem Aidsaufkommen (darunter Indien und Afrika), wo sie sich auch meist infizierten.

Hinter diesen Zahlen stecken Menschen, die den Tod vor Augen haben. Denn Aids ist auch fast 30 Jahre nach der ersten Beschreibung der Krankheit nicht heilbar. 1981 beschrieb Michael Gottlieb in einem wöchentlichen Bulletin der US-Gesundheitsbehörde eine Häufung einer seltenen Form der Lungenentzündung, die vor allem Menschen mit geschwächten Immunsystem befällt.

 

Spanier testen Aids-Impfstoff an Freiwilligen

In Spanien testen Mediziner erstmals einen Aids- Impfstoff an Freiwilligen. Das Medikament solle aber keine Infektion mit einem Aids-Erreger HIV verhindern, teilten die Wissenschaftler in Barcelona mit.

Er solle aber davor schützen, dass nach einer Infektion die Immunschwächekrankheit ausbreche. Bei 0,5 Prozent der HIV-infizierten Patienten breche Aids niemals aus, heißt es. An der im Januar beginnenden Testreihe nehmen 30 Freiwillige teil, die nicht mit HIV infiziert sind.

 

Alt werden trotz Aids

Von Yuriko Wahl

HIV-Infizierte leben länger. Immer bessere Medikamente stoppen die Virus-Vermehrung und halten den Krankheitsverlauf an. Doch manche Patienten kämpfen mit starken Nebenwirkungen. Einige Langzeitfolgen zeigen sich erst jetzt mit zunehmendem Alter.

«Wie gestalte ich mein Alter positiv?» - Klingt fast ein wenig zynisch für einen HIV-Positiven. Ein hohes Alter werden viele von ihnen erleben, - eine Heilung wohl kaum.

«Nach grober Schätzung sind derzeit ein Drittel aller HIV-Infizierten über 50 Jahre alt», sagt Immunologe Professor Georg Behrens. HIV-Infizierte könnten heute dank hochwirksamer Medikamenten-Kombinationen 60, 70 Jahre alt werden. «Vor 15 Jahren wäre kaum jemand über 50 Jahre alt geworden, heute gibt es bei früher Diagnose und Behandlung seltener Todesfälle.» Ende 2008 lebten bundesweit 63.500 Menschen mit HIV, bei 1100 Patienten waren die Viren so stark, dass die Betroffenen an Aids erkrankten. 650 HIV-Infizierte starben laut Robert Koch-Institut im vergangenen Jahr.

Die Altersstruktur der HIV-Infizierten werde sich rasch und drastisch verändern, prognostiziert der Experte von der Hochschule Hannover: «2005 waren 25 Prozent der HIV-Infizierten über 50 Jahre alt, 2015 werden es weit über 50 Prozent sein». Ein früher Therapiestart könne viele Lebensjahre schenken, weiß Behrens. Allerdings: «Wer um die 60 Jahre alt ist und das Virus seit 20 Jahren in sich trägt, lebt häufiger mit Komplikationen.» Das Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko steigt, Fälle von Leber- oder Nierenschäden, Knochenschwund (Osteoporose) nehmen zu, das Fettgewebe verlagert sich bei manchen sichtbar.

Auch bei den kognitiven Leistungen, die allgemein im Alter schwächer werden, zeichnet sich ab, dass HIV-Patienten häufiger Probleme haben. Überraschenderweise scheint die HIV-Therapie aber Behrens zufolge auch völlig unerwartete Vorteile zu bringen: Mit Tumorerkrankungen oder Hepatitis hätten lange behandelte HIV-Infizierte weniger zu schaffen als andere Menschen in vergleichbarem Alter ohne HIV.

Das Thema «Alt werden mit HIV» spielt eine zunehmende Rolle bei den Beratungsgesprächen, stellen die Teams der Aids-Hilfen fest. «Früher stand das Überleben an erster Stelle, jetzt ist die noch relativ neue Frage zentral: Wie gestalte ich mein Alter möglichst positiv?», sagt Michaela Diers, Beratungsleiterin der Aids-Hilfe Köln. «Viele suchen unsere Beratung auf, weil sie mit massiven Schädigungen zu kämpfen haben. Es gibt auch Leute, die wirklich alle Nebenwirkungen mitgenommen haben und dann noch erschwerend altersbedingte Schwächen hinzubekommen.»

Viele HIV-Infizierte hätten auch Angst, nicht im Würde alt werden zu können: «Wenn wir versuchen, HIV-positive Menschen in einem Heim unterzubringen, dann haben wir es sehr, sehr schwer», schildert Diers. «Dann wird so getan, als ob eine Seuche die Heimbewohner heimsuchen könnte.» Vorurteile und Diskriminierung gebe es noch immer. Ein Betroffener schreibt im Internet: Jahrzehnte lang «mit der tödlichen Bedrohung im Nacken» bei vielen Einschränkungen und Ausgrenzungen durchgehalten zu haben, sei eine große Lebensleistung.

Die erste Aids-Diagnose in Deutschland wurde vor 27 Jahren gestellt. «Die ersten Medikamente waren nicht optimal und haben Schäden am Immunsystem verursacht», erklärt Mediziner Behrens. «Viele Patienten leben mit irreversiblen Schäden, haben als Nebenwirkungen Veränderungen bei Organen wie Leber und Niere erlitten oder Komplikationen wie Herzinfarkt.» Mitte der 1990er Jahre brachte eine Kombinationstherapie Verbesserungen. «Heute sind es Nebenwirkungen wie Durchfall, Übelkeit oder Schlafstörungen, die wir meistens in den Griff kriegen, weil wir für die Zusammenstellung der Medikamente auf ein größeres Repertoire zurückgreifen können.»

Dennoch bleibt auch bei den neueren Präparaten die Langzeit-Verträglichkeit noch ein Rätsel. «Wir wissen nicht, wie es sich 40 Jahre lang mit HIV lebt, weil es diese Fälle noch nicht gibt. Aber das wird möglich sein. Da entwickelt sich eine große Gruppe, für die wir heute schon Vorsorge treffen müssen», mahnt Behrens. Auch Pflege- und Altersheime sind auf die Bedürfnisse alter Menschen mit HIV noch nicht gut vorbereitet. «Die HIV-Medizin hat sich rasant verändert wie kein anderes Feld, aber beim Thema Aids im Alter stehen wir noch vor Neuland. Man muss einen langen Atem haben.»

 
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